„Der Algorithmus weiß, was wir brauchen“

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Pädagogischer Tag der ADS zum Lehren und Lernen im Zeitalter Künstlicher Intelligenz

Wie verändert Künstliche Intelligenz unseren Unterricht – und welche didaktischen, methodischen und schulorganisatorischen Implikationen ergeben sich daraus für die ADS? Mit dieser Leitfrage beschäftigte sich im Februar der Pädagogische Tag unserer Schule.

Künstliche Intelligenz ist längst mehr als ein technischer Trend – sie prägt Arbeits- und Lebenswelt, Kommunikationskultur und Wissenszugänge grundlegend. Für Schule bedeutet dies nicht lediglich die Einführung neuer Werkzeuge, sondern eine Transformation von Lernvoraussetzungen, Denkprozessen und Kompetenzanforderungen. Die ADS stellt sich diesen Entwicklungen aktiv und lud Expertinnen und Experten der Lehrkräfteakademie ein, um Chancen, Grenzen und pädagogisch-ethische Konsequenzen gemeinsam zu reflektieren.

Vom CD-Player zur KI-gestützten Lernumgebung – Lebenswelten im Wandel

In einem ebenso unterhaltsamen wie reflektierten Impulsvortrag zeichnete Nico Häger – neben seiner Tätigkeit an der Lehrkräfteakademie Lehrer an der Julius-Leber-Schule in Frankfurt am Main – das Bild zweier Schülerbiografien: einer im Jahr 2000 und einer im Jahr 2026.

Referent Nico Häger erinnert an die Schnelllebigkeit unserer Zeit.

Die Erinnerung an das weitgehend analoge Leben mit CD-Player, Videothek und stationärem Internet sorgte für Schmunzeln und verdeutlichte zugleich die Beschleunigungsdynamik gesellschaftlicher Digitalisierungsprozesse.

Heute erfassen Smartwatches Gesundheitsdaten, Algorithmen kuratieren Musik, Filme und Nachrichten, Navigationssysteme agieren prädiktiv und digitale Assistenzsysteme liefern Antworten in Echtzeit. Subjektive Urteilsbildung wird dabei zunehmend durch algorithmisch generierte Relevanzstrukturen überformt.

Digitale Systeme fungieren längst nicht mehr nur als Werkzeuge, sondern als permanente Begleiter. Informationen sind jederzeit verfügbar, Inhalte hochgradig personalisiert.

Klassische Suchprozesse, produktive Wartezeiten oder antizipatorische Erwartungsmomente treten in den Hintergrund, da digitale Angebote unmittelbar und bedarfssynchron bereitgestellt werden.

Vom sozialen Netzwerk zur algorithmisch personalisierten Informationsumgebung

Während gesellschaftlich häufig über Social-Media-Verbote diskutiert wird, lenkte Häger den Fokus auf sogenannte „AI Companions“ – KI-gestützte Systeme, die als persönliche Gesprächspartner, Influencer oder digitale Bezugspersonen auftreten. Im Unterschied zu klassischen Plattformen stehen nicht mehr ausschließlich reale Personen im Zentrum, sondern synthetisch erzeugte, algorithmisch gesteuerte Identitäten.

Perspektivisch wird sich das Internet weiter individualisieren: Statt eines gemeinsamen digitalen Raumes entstehen hochgradig segmentierte, datenbasierte Informationsökosysteme, die sich an Interessen, Präferenzen und Nutzungsmustern orientieren.

Die Unterscheidung zwischen „real“ und „virtuell“ verliert für viele junge Menschen an Trennschärfe. Das Internet ist kein externer Ort mehr, den man bewusst aufsucht – es ist integraler Bestandteil lebensweltlicher Erfahrungsräume.

Konsequenzen für Schule und Lernkultur

Was bedeutet diese „Echtzeitgesellschaft“ für Unterricht und schulisches Lernen?

Lernprozesse benötigen Phasen der Konsolidierung, Wiederholung und metakognitiven Reflexion, um Inhalte nachhaltig im Langzeitgedächtnis zu verankern. Wenn jedoch unmittelbar nach Unterrichtsphasen neue digitale Reizimpulse dominieren, geraten diese notwendigen kognitiven Vertiefungs- und Transferprozesse unter Druck. Die permanente Informationsverfügbarkeit verändert Aufmerksamkeitsökonomie, Erwartungshorizonte und Problemlösestrategien.

Für die ADS bedeutet dies: Nicht die Technologie steht im Mittelpunkt, sondern der pädagogische Gestaltungsauftrag. KI soll weder verteufelt noch unkritisch implementiert werden. Ziel ist vielmehr die Förderung einer kritisch-reflexiven, verantwortungsbewussten und selbstregulierten Nutzung digitaler Werkzeuge.

Die 4 K als Leitidee modernen Lernens

Im Vortrag wurde entsprechend auf das Konzept der sogenannten 4 K als zentrale Zielperspektive zukunftsorientierter Bildung hingewiesen. Damit sind die Kompetenzen Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration gemeint. Die 4 K beschreiben grundlegende Fähigkeiten, die Schülerinnen und Schüler befähigen sollen, komplexe Herausforderungen in einer digital geprägten Welt selbstständig, reflektiert und gemeinschaftlich zu bewältigen. Besonders im Kontext von Künstlicher Intelligenz gewinnen diese Kompetenzen an Bedeutung, da technische Systeme zunehmend Routineaufgaben übernehmen und menschliche Denk-, Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse stärker in den Vordergrund rücken.

Erproben, reflektieren, professionalisieren

Der Pädagogische Tag war bewusst praxisorientiert konzipiert: Nach einer theoretischen Rahmung erprobten die Kolleginnen und Kollegen konkrete KI-Anwendungen und diskutierten deren didaktisch sinnvollen Einsatz. In einer abschließenden Reflexionsphase wurden Potenziale, Limitationen und offene Entwicklungsfragen systematisch erörtert.

Deutlich wurde: Künstliche Intelligenz transformiert Schule nicht automatisch – entscheidend ist ihre didaktisch reflektierte, wertegeleitete und kontextsensibel eingebettete Nutzung. Die ADS versteht diesen Prozess als kontinuierliche Professionalisierungsaufgabe. Der Pädagogische Tag markiert einen wichtigen Schritt, um Orientierung zu gewinnen und gemeinsam Verantwortung für Bildung in einer digital transformierten Gesellschaft zu übernehmen.

Angesichts der Dynamik und Tragweite des Themas versteht die ADS diesen Pädagogischen Tag als Auftakt eines weiterführenden Professionalisierungsprozesses. In anschließenden kollegialen Lernwochen wird praxisorientiert, kooperativ und fortbildungsgestützt weitergearbeitet, um gewonnene Impulse nachhaltig in Unterricht und Schulentwicklung zu verankern.

Bericht: Regina Gräser

Fotos: Stefan Gräser