Was bedeutet es eigentlich, Maßstäbe zu setzen? In der Mathematik ist es ein festes Verhältnis, in der Architektur eine technische Notwendigkeit, doch für die Schülerinnen und Schüler der Alfred-Delp-Schule ist es vor allem eine zutiefst menschliche Angelegenheit. Am Abend des 6. Februar 2026 ist im feierlichen Rahmen die Ausstellung „Maßstab“ im Schloss Fechenbach eröffnet worden. In den Werken der Oberstufenschüler spiegelt sich eine neue Sicht auf die Welt und das eigene Ich wider – eine Einladung, die Realität durch das künstlerische Prisma der Jugend neu zu entdecken.

Den Auftakt des Abends hat Bürgermeister Frank Haus gestaltet, der in seinen Grußworten die Bedeutung der kulturellen Zusammenarbeit zwischen Stadt und Schule hervorhebt. Doch bevor die ersten Blicke auf die Exponate fallen, gehört die Aufmerksamkeit dem Schüler Julian Hofmann. Der begnadete Pianist präsentiert am Flügel eine Eigenkomposition, die Versatzstücke aus vorhandenen Werken mit eigenen Kompositionen collagiert. Entstanden ist sein Klavierstück im Deutschunterricht als Projektarbeit zum Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist. Mit seinem musikalischen Beitrag begeistert er das Publikum, das es ihm mit anhaltendem Applaus dankt.


In ihrer anschließenden Einführung haben die Schülerin Laura Tambe und der Schüler Leonard Gorges deutlich gemacht, dass der Weg zu dieser Ausstellung ein intensiver und zutiefst persönlicher Prozess gewesen ist. Das Thema der Arbeiten ist so nahbar wie kaum ein anderes zuvor, da als Inspiration Bilder mit hohem emotionalem Wert gewählt wurden. Die Schüler haben in alten Fotoalben gekramt und in Kindheitserinnerungen gewühlt, um Momente zu finden, die sie geprägt haben. Die gezeigten Werke sind somit weit mehr als bloße Abbilder; sie zeigen Eltern, Geschwister und Freunde und sind nicht aus rein ästhetischen, sondern aus sentimentalen Gründen ausgewählt worden. Ob schüchtern und subtil oder ausdrucksstark und kraftvoll – in jeder Umsetzung steckt ein Teil der eigenen Persönlichkeit. Dabei betont Laura Tambe, dass die Kunst an der ADS eine zentrale Rolle spielt, da sie den Raum bietet, Leidenschaften auszuleben und mehr über sich selbst und die Mitschüler zu erfahren. Ein besonderer Dank gilt Kunstlehrer Kai Müller, der im „künstlerischen Chaos“ stets mit Rat und Tat zur Seite steht und der Fantasie der Schülerinnen und Schüler keine Grenzen setzt.


Leonard Gorges aus der Q4 ergänzt diese Gedanken mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für die Anerkennung des Fachs Kunst. Er spricht dabei offen ein gängiges Vorurteil an: Oft erhalte man den Eindruck, das Fach Kunst sei eine Verschwendung von Zeit und Material. Doch Gorges stellt klar, dass es im Kunstunterricht um weit mehr gehe als nur um das Produzieren von Bildern. Vielmehr stünden die Schulung der Wahrnehmung, die Urteilskraft und das Verständnis für komplexe Zusammenhänge im Fokus – seien sie gesellschaftlich, historisch, kritisch oder ganz persönlich. Er erläutert daraufhin die zwei Themenschwerpunkte der Ausstellung: Zum einen die konzeptionellen Selbstbildnisse, die sich mit der Frage nach der eigenen Identität und der Grenze zwischen Privatheit und öffentlicher Inszenierung auseinandersetzen. Zum anderen präsentieren die Schüler architektonische Arbeiten zum Thema öffentliche Toiletten, inspiriert durch das „Tokyo Toilet Project“. Dieses Projekt verdeutlicht eindrucksvoll, wie viel Würde und Gestaltung in einen scheinbar nebensächlichen Alltagsort fließen können. Im Gegensatz zur freien Kunst ist die Architektur hierbei stärker an Funktionen, Maßstäbe und Materialien gebunden, was die Übersetzung einer Idee in einen Raum zu einer besonderen Herausforderung macht.
Dieses Zusammenspiel aus Theorie und Leidenschaft bildet das Herzstück der Vernissage, was Lehrer Kai Müller, in Vertretung für die Kunstfachschaft, in seinem abschließenden Resümee zusammenfasst. Dass die Ergebnisse der monatelangen Arbeit erneut in den professionellen Räumlichkeiten des Schlosses Fechenbach präsentiert werden dürfen, wertet er als besonderes Privileg – sein Dank und das der gesamten Kunstfachschaft gilt hierbei insbesondere Museumsleiter Herrn Lammer und dessen Team für die Gastfreundschaft. Für die Kunstlehrer des Oberstufengymnasiums ist die Anwesenheit des Bürgermeisters und zahlreicher Gäste weit mehr als nur ein offizieller Termin; sie sehen darin ein wertvolles Zeichen der Anerkennung für die Schule und das enorme Engagement ihrer Schützlinge. Mit Stolz blickt Kai Müller auf die außergewöhnliche Bandbreite der Beiträge, die von der musikalischen Eröffnung bis hin zur konzeptionellen Fotografie reicht. Es ist diese kreative Kraft und die Vielfalt der Stile, die deutlich machen, was die Schülerinnen und Schüler zu leisten imstande sind.
Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, wie die nächste Generation ihre Umwelt wahrnimmt, vermisst und gestalterisch übersetzt, hat dazu noch bis zum 1. März Zeit.




