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Q2er LK- und GK-Schülerinnen und -Schüler arbeiten im Nachbarland Rheinland-Pfalz an der Geschichte des Landkreises Darmstadt-Dieburg

Projekttag in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Osthofen am 11.04.2019

„Früher habe ich oft den Nationalsozialismus als etwas empfunden, das irgendwo fern von meinem Wohnort passiert ist. Hier mit Schicksalen von Menschen aus meiner Heimatgemeinde konfrontiert zu werden, hat mir den totalitären Charakter dieses Regimes besser verdeutlicht.“

„Auschwitz, Bergen-Belsen, Dachau, Buchenwald – diese Orte sind jedem ein Begriff. Aber ich wusste gar nicht, dass so nah bei uns ein KZ war.“

„Den Boden mit der Hand berühren zu können, seine Kälte und Härte selbst zu spüren: Das ist noch mal eine viel prägendere Erfahrung als im Geschichtsbuch zu lesen, dass die Häftlinge im Sommer wie im Winter auf dem nackten Boden einer Halle ohne Matratze und ohne Decke schlafen mussten.“

 

So und so ähnlich äußerten sich die Teilnehmer*innen der Exkursion in der abschließenden Feedbackrunde und vermitteln damit einen Eindruck dessen, was sie in der Gedenkstätte Osthofen angetroffen haben.

Angeleitet von zwei fachlich und zwischenmenschlich hervorragenden Teamerinnen wurde der Projekttag mit einer etwa einstündigen Einführung in die Geschichte des Gedenkstätten-Komplexes und die Entstehung des KZs Osthofen begonnen.

Auf dem Gelände und in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Papierfabrik wurde am 6. März 1933, einen Tag nach der Reichstagswahl, das KZ Osthofen eröffnet. Am selben Tag kamen die ersten Häftlinge an, die demnach bereits am Vorabend und in der Nacht durch SA-Truppen verhaftet worden waren. Weder das Verfehlen der absoluten Mehrheit noch die noch nicht erfolgte Regierungsbildung hielt die Nationalsozialisten davon ab, Menschen, die sie als politische Gegner einstuften, vorrangig Anhänger der KPD, der SPD und der Zentrum-Partei, unter fadenscheinigen Gründen zu verhaften. Grundlage dafür bildete die sogenannte Reichstagsbrandverordnung vom 28.02.1933 (offizielle Bezeichnung: „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“), die der „Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte“1 dienen sollte und mit deren Hilfe Grundrechte wie die persönliche Freiheit, das Briefgeheimnis, die Versammlungsfreiheit, die Unverletzbarkeit der Wohnung etc. außer Kraft gesetzt wurden. Mit der Begründung, man müsse verhindern, dass derjenige eine Straftat begeht, oder man müsse ihn vor Übergriffen anderer schützen, wurden zu Dutzenden unbescholtene Bürger in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und in Lagern wie dem in Osthofen inhaftiert.

 

Mit Zeitungsartikeln und gestellten Fotografien wurde anschaulich vermittelt, wie Propaganda bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der nationalsozialistischen Herrschaft eingesetzt wurde, um nach außen das Bild einer „Besserungs- und Erziehungsanstalt“ zu bewahren, die die in den Augen der Nationalsozialisten „verwahrlosten Wilden“ wieder zu „ordentlichen Mitgliedern der Gesellschaft“ dressierte.

 

Beim anschließenden Rundgang über das Gelände besichtigte die Gruppe der ADS die zugige Lagerhalle, in der die Häftlinge einst schliefen und kochten, die Stelle, an der sich ehemals die unbefestigte Sickergrube befand, die als Toilette diente, die Waschstelle (zwei Wasserhähne mit ganzjährig kaltem Wasser, statt Seife nur ein Sandhaufen zum Abrubbeln des Schmutzes) und den Appellplatz. Bis zu 400 Häftlinge wurden gleichzeitig in Osthofen gefangen gehalten, in der Regel waren es um die 200 Häftlinge aus dem damaligen Volksstaat Hessen, fast zu 100% Männer, die eine durchschnittliche Haftdauer von vier bis sechs Wochen durchlitten. Einige waren auch bis zu einem Jahr dort. Eine besondere Schikane bestand drin, dass sie bei ihrer Verhaftung weder wussten, wohin sie gebracht werden, noch erfuhren, wie lange ihre Haft dauern würde. Auch Besuch von Angehörigen war bis auf eine kurze Phase nach Entstehung des KZs verboten. Die Foltermethoden reichten von Mangelernährung und genereller Unterversorgung über besonders schikanöse, demütigende Aufgaben (z.B. Sickergrube mit bloßen Händen ausschöpfen) bis hin zu Schlägen, Schlafentzug und Einzelhaft. Dass es im KZ Osthofen keine Toten gab, klingt nur auf den ersten Blick positiv. Um den Schein zu wahren, wurden die körperlich zu stark geschwächten Häftlinge entlassen, damit bloß niemand im Lager starb. Mehrere Todesfälle kurz nach der Freilassung aus Osthofen sind belegt.

 

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Mahnende Skulpturen am Standort der ehemaligen Sickergrube

 

Nach diesem so informativen wie beklemmenden Rundgang begann die Arbeit an Kopien von Originalakten, die im Hessischen Staatsarchiv aufbewahrt werden. Diese waren 1933-1934 im Kreisamt Dieburg erstellt und geführt worden. In Gruppen bearbeiteten die ADS-Schüler*innen die Akten, in denen es um Verhaftungen und Überstellungen nach Osthofen von Männern aus Dieburg, Münster, Groß-Zimmern, Ober Roden, Urberach, Schaafheim, Reinheim, Ueberau und anderen Orten aus dem Einzugsgebiet der ADS ging. Mitgliederlisten der SPD Dieburg finden sich dort ebenso wieder wie z.B. Aufstellungen über die Parteivermögen und zeugen von der permanenten Überwachung und Verfolgung, mit der jene zu kämpfen hatten, die eine andere Politik als die Nationalsozialisten vertraten.

 

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Gruppenarbeit mit Akten des Kreisamtes Dieburg 1933/34

 

Das Wiedererkennen von geläufigen Straßennamen und bis heute ortsüblichen Familiennamen sorgte für besondere Betroffenheit der Schüler*innen. Vor eine besondere Herausforderung sahen sie sich gestellt bei handschriftlichen Eingaben der Betroffen z.B. zu ihrer Verteidigung, die damals häufig noch in Sütterlin verfasst wurden. Das Interesse war so groß, dass neben der Arbeit an der Akte der eigenen Gruppe auch noch bei den anderen Gruppen über die Schulter geschaut wurde („Worum geht’s bei euch?“ – „Hey, den Namen hatten wir bei uns auch!“). Wer noch Zeit fand, warf einen Blick in die Dauerausstellung der Gedenkstätte, bevor nach etwa zwei Stunden Arbeitszeit die Ergebnisse im Plenum präsentiert wurden.

 

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Eins von fünf Ergebnisplakaten

 

Die Aussage einer Teilnehmerin aus der Abschlussrunde fasst die Exkursion wohl am treffendsten zusammen:

„Der Projekttag hat sich definitiv gelohnt. Wir sind jetzt seit fünf Stunden hier und es ist keine Minute langatmig gewesen.“

1 Quelle: http://www.documentarchiv.de/ns/rtbrand.html, abgerufen am 23.04.19

Weiterführende Links: https://www.gedenkstaette-osthofen-rlp.de

 

24.04.2019 i.A. Angelika Schneider