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Jochen Wagner - nach 54 Jahren Schuldienst in den Ruhestand

Jochen Wagner, geboren am 08. November 1936 in Darmstadt, keine Geschwister, ist aufgewachsen in Darmstadt, wo er ab Herbst 1943 die Grundschule besuchte.

Bereits ein Jahr später, in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944, der sogenannten „Brandnacht“, wurde Darmstadts Innenstadt total zerstört, es gab dort ca. 12.000 Tote.

Familie Wagner konnte gerade noch rechtzeitig aus ihrem brennenden Haus fliehen.

Der fast achtzigjährige Großvater allerdings erleidet daraufhin einen Schlaganfall und stirbt vier Tage später in Messel, wo die Familie als „Ausgebombte“ Zuflucht gefunden hatte.

„Am 12. Dezember 1944 stirbt auch mein Vater, bei einem Tagesangriff auf das Industriegebiet an seiner Arbeitsstätte – Fa. Merck. Kein Schulunterricht mehr, dafür auch im Umland laufend Fliegeralarm und Tiefflieger, kein regelmäßiger Schulbesuch von September 1944 bis Herbst 1945.

Wir hoffen alle, dass die Amerikaner bald hier sind und der Spuk der Naziherrschaft endlich aufhört!“, erzählt Jochen Wagner.

Die Amerikaner kamen dann, ohne dass es in Messel Kämpfe gab, am Palmsonntag 25. März 1945: „Damit war für uns der Krieg aus, die Angst vor den Bomben war für mich jedenfalls schlagartig vorbei, man konnte wieder nachts im Bett bleiben und schlafen.“

 

Im Sommer 1945 zogen Mutter und Sohn zurück nach Darmstadt, wo die Großmutter ein stark beschädigtes, aber noch bewohnbares Haus in der Nähe der TH ( heute TU ) hatte.

Im Herbst 1945 fing die Schule wieder an: Kyritzschule in Darmstadt, teilzerstört, aber für den Unterricht benutzbar; eine große reine „Buben“-Klasse im 3. Schuljahr mit Schichtunterricht ­ – eine Woche morgens, die folgende Woche nachmittags.

Von Herbst 1947 bis Ostern 1957 besuchte Jochen Wagner das Liebig-Oberrealgymnasium, später „Liebigschule, Gymnasium für Jungen“. Es gab wieder Schichtunterricht, und das bis zum Abitur 1957, da das Gebäude der „Lio“ das einzige in Darmstadt war, das noch benutzt werden konnte, und in diesem Gebäude alle vier Jungengymnasien der Stadt untergebracht waren.

„Unterricht hatten wir in allen Fächern bis zum Abitur, wir hatten damals keine Sprachenwahl oder konnten in der Oberstufe Fächer abgeben! In der Abiturklasse waren wir nur noch 18 Schüler. Abitur machte ich im März 1957.“

 

Zur Berufswahl merkt er an:

„Mathe war eigentlich immer mein Lieblingsfach, da brauchte man nichts auswendig zu lernen, man musste dazu keine Bücher lesen, der Stoff ist durch eigenes Bemühen zu verstehen und ich hatte das Glück, im Matheunterricht sowohl in der Schule als auch im Studium fähige Lehrer zu haben, die einem die Mathematik anschaulich, interessant und – notfalls ­– in kleinen Schritten verständlich machen konnten. Physik ergibt sich dann als angewandte Mathematik, wobei Natur und Technik die notwendigen Vorgaben liefern.“

Etwas kam aber noch hinzu: Ein neuer Schüler, der aus Dieburg kam, hatte Probleme mit dem mathematischen Verständnis.

„M. kommt alleine nicht zum Ansatz. Ich versuche, ihm das klarzumachen, manchmal auf zwei oder drei verschiedene Arten. Die musste ich mir aber auch erst überlegen. Also dauerten die Mathehausaufgaben meist ein bis zwei Stunden mit der Folge, dass wenigstens ich die Lösungswege einigermaßen verstanden hatte und allmählich auch in die Lage kam, meinen Mitschülern Mathe erklären zu können. In der Mittelstufe wurde ich dafür von den meisten Mitschülern, sagen wir mal, belächelt, im Abiturjahr aber saß die halbe Klasse bei uns zu Hause und wir lernten für die Klassenarbeiten und das Abitur“, erinnert sich Jochen Wagner.

Aus diesen Erfahrungen und der eindeutigen Vorliebe für den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich resultierte dann auch die Fächerwahl Mathematik und Physik für ein auf das Lehramt ausgerichtetes Studium.

 

Was folgt?

Von 1957 bis 1964 das Studium an der TH Darmstadt: „Außer den Mathe- und Physikvorlesungen und -übungen mussten wir damals auch Darstellende Geometrie und Technische Mechanik absolvieren, dazu Vorlesungen und Seminare in Psychologie (Kindheits- und Jugendalter mit Exkursion in ein Kinderdorf), Philosophie und Politik. Wichtig waren uns die Vorlesungen von Prof. Martin Wagenschein zur Didaktik der Physik, alles konnte ich für meinen späteren Unterricht verwenden!

Im Wintersemester 1957/58 begann ich dann mit Mathe 1 bei Prof. Alwin Walther, der interessant, anschaulich und verständlich unterrichtete. Im Institut von Prof. Walther wurde der erste Computer der TH gebaut, er war im Wasserbauinstitut untergebracht und die mit Röhren und Relais bestückten Geräte nahmen einen Platz wie zwei Klassensäle ein.“

Nach dem ersten Staatsexamen mit Datum vom 7. Febr. 1964 begann Jochen Wagner seine Referendarzeit nach den Osterferien an der Goetheschule in Dieburg.

Er hatte auch gleich eigenverantwortlich Unterricht zu halten: acht Wochenstunden Mathe in einer 6. Klasse und Physikübungen in einer 8. Klasse.

Da die Goetheschule damals keine Prüfungsschule für Referendare war, verbrachte er das zweite Jahr in Darmstadt an der GBS (Georg-Büchner-Schule). Auch dort hatte er einen Beschäftigungsauftrag über sieben Wochen­stunden Mathematik und Physikübungen zu halten.

 

Sein zweites Staatsexamen legte Jochen Wagner am 22. März 1966 ab: „Am gleichen Tag ist mein zweites Kind, unser Sohn Johannes geboren. Ich hatte 1964, nach meiner Anstellung als Studienreferendar mit Unterhaltszuschuss, geheiratet. Als ich nach Dieburg ging, hatten wir noch keine Kinder, als ich nach einem Jahr nach meiner Prüfung in Darmstadt wiederkam, hatten wir zwei Kinder. Bis 1970 stieg die Zahl auf vier. Meine beiden Töchter sind zu uns nach Dieburg an die ADS gekommen und haben 1984 und 1986 bei uns Abitur gemacht.“ Für den Vater bedeutete dies unabhängig vom eigenen Stundenplan lange Tage an der ADS, denn die beiden Töchter fuhren mit Papa morgens aus dem Odenwald zur Schule und wurden nachmittags auch wieder von ihm zurückgebracht.

 

Aber der Reihe nach: Von 1966 an, als er seine zukünftige Stelle in Dieburg zunächst als Assessor antrat, war Jochen Wagner bis vor kurzem ohne Unterbrechung mehr oder weniger im Dienst: Von der Ernennung zum Studienrat 1969 über den Wechsel im Jahr 1974 von der nun als kooperative Gesamtschule auf die Jahrgänge 5 bis 10 beschränkten Goetheschule an das neu gebaute Oberstufengymnasium, die Alfred-Delp-Schule, bis hin zur Beförderung zum Oberstudienrat 1979 und von da an bis zur offiziellen Pensionierung im Jahr 2000 war er Dieburg und auch der Goetheschule als Abordnungsschule treu geblieben. Er war durchgängig Klassenleiter und später regelmäßig Tutor einer Oberstufenklasse bzw. eines Oberstufenkurses.

Einmal sogar führte er als abgeordnete Lehrkraft eine Klasse ab Jahrgang 8 und behielt einige dieser Schüler über den Schulwechsel hinaus durchgängig bis zum Abitur.

„Mein Haupteinsatz waren die Leistungskurse in Physik. Davon habe ich etwa 25 Kurse zum Abitur geführt. Zeitweise war ich in drei Leistungskursen gleichzeitig eingesetzt.

Mit meinen Klassen, Tutandengruppen und Leistungskursen unternahm ich zu den Studienfahrtterminen Klassen-, Wander- und Studienfahrten, außerdem Zusatzfahrten an Wochenenden mit einem Unterrichtstag, sehr oft nach München. Dabei war in den meisten Fällen das Wasserkraftwerk Walchensee mit einer Wanderung auf den Herzogstand Hauptpunkt der Studienfahrt, zusammen mit dem Deutschen Museum und der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Dachau. Wir waren aber auch mehrmals in Berlin.

Spaß hat es mir gemacht, Bahnfahrten so zu planen, dass die Kosten pro Schüler möglichst gering blieben. Den Schülern sind meine Vorlieben bekannt, man kann es in Abizeitungen nachlesen: ‚nicht schnell, aber billig, und man lernt das Gesamtnetz der DB kennen‘ “, erinnert sich Jochen Wagner schmunzelnd, verweist aber auch auf sehr ernsthafte pädagogische Prinzipien, die er nie aufgegeben hat:

 

„In der 11 die Schüler/innen dort abholen, wo sie in der jeweils besuchten Mittelstufe angekommen sind. Also die Grundlagen kurz, aber intensiv wiederholen oder neu zur Kenntnis bringen. Konsequent an exakte Schreibweisen, klar dargestellte Lösungswege gewöhnen und bei der Überprüfung von Ergebnissen auf Plausibilität achten: Z.B. ein Kugelschreiber kann nicht 12 km lang sein, auch wenn der Rechner dieses Ergebnis zu liefern scheint! Dieser Unterricht bedingt in der 11 eine enge Führung durch den Lehrer, damit sich klare Grundlagen und Schreibweisen einprägen. Später können die Schülergruppen selbstständiger arbeiten und am Ende der 13 sollte sich der Lehrer allmählich überflüssig machen können.“

Dieses klare Konzept hat er jahrzehntelang mit Erfolg praktiziert, und so ist es nicht verwunderlich, dass er zu denjenigen unter den Pensionären gehört, die in den Schuldienst zurückgerufen werden, natürlich auf freiwilliger Basis.

 

Hierzu berichtet er:

„Zu Beginn der Sommerferien 2000 schied ich mit knapp 64 Jahren aus dem aktiven Unterricht aus. Meine Stimmbänder machten mir Probleme und das Arbeitspensum weckte Sehnsucht nach ruhigerem Leben.

Um den Kontakt mit der Schule, den Schülern und den Kolleginnen und Kollegen nicht ganz zu verlieren, wollte ich einmal in der Woche in der Bibliothek/Mediothek Dienst versehen. Das tat ich auch und fühlte mich dabei wohl.

Im Herbst 2005 bat mich Herr Schröder, für einen erkrankten Kollegen ein paar Monate den Unterricht zu übernehmen. Ich sagte zu und fühlte mich auch der Sache gewachsen: sieben oder acht Stunden pro Woche, die ja zusätzlich zur Pension bezahlt wurden, waren für mich zu leisten. Es machte mir wieder Spaß, vor einer Klasse zu stehen. Dabei habe ich meine Art zu unterrichten beibehalten, das wurde akzeptiert und es entwickelte sich eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Aus ein paar Monaten wurde die Zeit bis 2012, als ich dann zum Halbjahr aus dem Unterricht ausschied. Zum Schul­jahresende habe ich mit der Gruppe noch eine Fahrt nach München/ Walchensee gemacht. Übrigens, meinen 75. Geburtstag habe ich mit einem Kuchen im Saal 500 (Physiksaal) mit meiner Stammgruppe gefeiert. Das sind schöne Erinnerungen!“

 

Dass Jochen Wagner es so lange an der Schule ausgehalten hat, hängt auch mit dem Glück zusammen, im Fachkollegium über all die Jahrzehnte hinweg einen engen Zusammenhalt erlebt zu haben:

„Bei all meinen Tätigkeiten in der Schule habe ich mich immer im Kreis meiner Physikkollegen gestützt und geborgen gefühlt. Die vier Lehrer, „ die dahinten in der Physik“ ( Ki, Sn, Wa und Wb ), bildeten und bilden immer noch seit mehr als 30 Jahren eine Gemeinschaft, in der jeder für jeden einsteht und gegenseitige Beratung und Hilfe zum Standard zählt. So lässt sich auch ein manchmal schwieriger Unterrichtsalltag meistern. Am nachhaltigsten waren die täglichen Fahrten von Michelstadt, meinem Wohnort, nach Dieburg und zurück. Hier wurde alles besprochen, was uns bedrückt oder was gerade im Unterricht angefallen war und geklärt werden musste. Herzlichen Dank an Rudi Kiefer und auch an Sigrid Weber!“

 

Dennoch bedeutete auch das Ende der Unterrichtstätigkeit und damit der kollegialen Zusammenarbeit mit den Physikkollegen 2012 noch lange nicht das Ausscheiden aus der Schulgemeinde:

„Nachdem ich 2012 nicht mehr im Unterricht eingesetzt sein wollte, zog ich mich wieder in die Mediothek zurück, wo Frau Murr kompetent, freundlich und liebenswürdig das Regiment führt. Gemeinsam mit den anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Mediothek leistete ich einmal in der Woche dort Dienst: Ausgabe und Rücknahme von Büchern, Registrierung am Computer, Ordnen und Wegräumen von Büchern, Beratung von Schülerinnen und Schülern bei der Suche nach Literatur für Projekte und Vorträge. Außerdem Ausgabe von Mahnungen und Einsammeln von Gebühren.

Nicht zu vergessen: nette Gespräche mit ehemaligen und neuen Kolleginnen und Kollegen, die Geräte ausleihen und zurückbringen oder nur mal den kurzen Weg von der Caféteria zum Lehrerzimmer durch die Mediothek gehen und vielleicht in das Glas mit den Süßigkeiten greifen.

Kürzlich sind vier meiner von früher her bekannten Kolleginnen und Kollegen pensioniert worden. Jetzt dürften nur noch wenige, die vor 2000 kamen, im Lehrerzimmer anzutreffen sein. Es ist nach 54 Jahren Tätigkeit Zeit für mich, der Schule Ade zu sagen.“

 

jochenwagner

 

 

19.08.2018 Jochen Wagner / Angelika Schneider