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Die Hessischen Schülerakademien

Das Sommercamp der Vorurteile

 

Die Hessischen Schülerakademien (hsaka) auf Burg Fürsteneck finden für die Oberstufe jährlich in den letzten beiden Wochen der Sommerferien statt und sind eine Form der Begabtenförderung.

 

2019 habe ich selber an dieser Veranstaltung teilgenommen und das schulübergreifende Programm live miterlebt. Nun lässt sich nur schwer vorstellen, wie die Atmosphäre in einem solchen Rahmen beschaffen ist, sodass sich vorab auch Ressentiments herausbilden, vor allem, da es sich um Begabtenförderung handelt. Brauchen Begabte überhaupt Förderung, sollte man nicht die Schwächeren fördern? Der Ausschluss von Menschengruppen aus diesen Veranstaltungen stellt für viele einen weiteren Kritikpunkt dar. Die Empfindung tritt auf, es sei ungerecht, Menschen nach spezifischen Kriterien zu bewerten. Mit diesem Artikel möchte ich diese Vorurteile ausräumen.

 

Hohe Erwartungen und realer Alltag

 

Die hsaka verspricht eine Vertiefung und Ergänzung des Bildungsangebotes der Schule,

eine möglichst intensive Wahrnehmung und Erweiterung der eigenen Fähigkeiten,

die Zusammenarbeit mit ebenso motivierten (zukünftigen) Lehrerinnen und Lehrern und

einen regen Austausch auf gleicher Wellenlänge mit anderen begeisterungsfähigen Jugendlichen.

 

Nach der Veranstaltung kann ich sagen, dass alle diese Versprechen erfüllt wurden.

Motivierte Schülerinnen und Schüler, die eine unvergessliche Lebenserfahrung machen möchten,

die sich wünschen, ihren Wissenshorizont zu erweitern und ihre sozialen Kompetenzen auszubauen, sind die Art von Menschen, die man auf Burg Fürsteneck antrifft.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass die hsaka kein „Nerd-Camp“ ist, an dem „Streber“ teilnehmen, um noch mehr Schule zu haben. Die Veranstaltung ist nämlich nicht im Geringsten mit Schule vergleichbar. Natürlich besteht die Intention darin zu lernen, jedoch sind die Herangehensweise an die Inhalte und diese selbst nicht mit dem vergleichbar, was man in der Schule erfährt.

Die größten Unterschiede bestehen darin, dass die zu erlernenden Inhalte von den Teilnehmern selbst ausgesucht werden. Nach individuellem Interesse wählt man sich in einen täglich stattfindenden vierstündigen Hauptkurs und zwei musisch-kulturelle Programme, die jeweils zweistündig besucht werden, ein. Da alle Beteiligten freiwillig teilnehmen, macht sich diese Motivation auch in der Arbeitsweise bemerkbar.

Eine Unterrichtsstunde auf Hochschulniveau, die man hält, um den anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen des Kurses das Thema vorzustellen, mit dem man sich bereits vor Anfang der Akademie intensiv beschäftigte, eine Kurzpräsentation seines Themas, die vor allen Mitgliedern der Akademie gehalten wird, und die Vorstellung der Kursresultate aller drei Kurse am Gästenachmittag wie auch ein Dokumentationsbericht werden, falls erwünscht, mit Hilfe der Betreuer erarbeitet.
Obwohl die Resultate nicht bewertet werden, sind trotzdem alle bemüht, ihr Bestes zu geben, um sich am Ergebnis der harten Arbeit erfreuen zu können.
Der Schlafmangel resultiert jedoch nicht unbedingt aus jener.

Abends, wenn das Programm vorbei ist, organisieren wir unsere eigenen Aktivitäten, seien es Gesellschaftsspiele in der Torschenke, sei es Tanzen im großen Saal, draußen auf einer Decke die Sterne beobachten, Singstar spielen, um die Burg spazieren gehen oder Volleyball spielen.
Am ‚Unruhetag‘ fallen die regulären Kurse aus, damit die Teilnahme an Angeboten, wie zum Beispiel das Nicht-Sportturnier, bestehend aus Geschicklichkeitsspielen, Stickstoffeis-Essen, Kontratanz, Jugger, einer Kampfsportart, und zum Abschluss einem Grillfest zu ermöglichen. In diesem Rahmen liegt der Fokus auf dem Knüpfen von sozialen Kontakten, darauf, Freiheit und Kreativität auszuleben, nicht für gute Noten, sondern fürs Leben zu lernen.

 

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Wer hält die Balance?

 

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Das sogenannte Nicht-Sportturnierteam

 

Leben auf der Suche nach Begabung

 

Hier ist Motivation der Schlüssel zum Erfolg. Deswegen werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nach Zensuren gewählt, sondern nach einem selbst verfassten Motivationsschreiben und einem Empfehlungsschreiben des Lehrers, Herrn Winicker. Nach diesem Auswahlverfahren werden 20%- 40% der Bewerber ermittelt, die an der Veranstaltung teilnehmen dürfen. Dies kreiert eine besondere Atmosphäre, da alle Teilnehmer ähnliche Ziele verfolgen und ein reger Austausch aufgrund von Interessenähnlichkeiten besteht.

Egal wen man anspricht, das Resultat ist immer eine wahrhaft interessante Konversation mit intellektuellem Anspruch, sind Gesprächsthemen von Bedeutung anstelle von Oberflächlichkeiten, die die Gesprächspartner in Wirklichkeit nur langweilen. Dies ist nur möglich, da man sich des Umfeldes und der Art von Menschen, die sich in diesem befinden, bewusst ist.

Ein Umfeld zu erschaffen, in dem man nicht dafür verurteilt wird, seine wahren Interessen und Leidenschaften zu teilen, andere Menschen an seiner Begabung und deren Entwicklung teilhaben zu lassen, stellt einen der vielen Gründe für Begabtenförderung dar.

 

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Alle Teilnehmer*innen der hsaka 2019

 

Ich glaube daran, dass jeder Mensch begabt ist. Uns Teilnehmer unterscheidet, dass wir diese Begabung bereits erkannt haben und sie in unser Leben integrieren, keine Scheu haben, diese zu zeigen und uns darum bemühen, sie einzusetzen. Eine Begabung allein führt jedoch nicht zum Erfolg. Der Fleiß und die Arbeit, die dahinter stecken, sind das, was zu Resultaten führt.

Deswegen möchte ich alle, die ihre Begabung nicht in sich schlummern lassen wollen, dazu auffordern, diese Chance auch für sich zu ergreifen.

 

 

Christina Duldier, Q3