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Exkursion der Jahrgangsstufe Q3 am 11. September 2017 – Gedenkveranstaltung zur Darmstädter Brandnacht

Am 11. September diesen Jahres jährte sich zum 73. Mal die Zerstörung Darmstadts durch einen Angriff der britischen Luftwaffe. 12000 Menschen – überwiegend Frauen, Kinder und Senioren – verloren ihr Leben. Über 80 Prozent der Überlebenden wurden obdachlos und vorrangig in den Odenwald evakuiert.

Unter dem Titel „Der 11. September 1944 – Zerstörung und Wiederaufbau“ wird in der Centralstation in Darmstadt jährlich an dieses traurige Ereignis erinnert. Wie schon in den letzten beiden Jahren nahm die komplette Jahrgangsstufe Q3 auch diesmal im Rahmen des Geschichtsunterrichtes an der Gedenkveranstaltung teil.

 

Einführend wurde mit „Brandmale – Darmstadt und die Bombennacht“ aus dem Jahr 2004 eine beeindruckende Dokumentation der Filmemacher Jutta und Christian Gropper gezeigt, die neben objektiven Nachrichtenmeldungen und Dokumenten vor allem zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, welche ihr subjektives Erleben der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 eindrücklich schildern. Von drastischen Beobachtungen erfährt das Publikum, die sich den Zeitzeugen, wie einer sagt, buchstäblich „eingebrannt“ haben – von dem Vater etwa, der sein gestürztes Kind nicht mehr aus dem flüssig gewordenen Teer auf der Straße retten kann, von den zahlreichen verkohlten Leichen Erwachsener, die die Hitze auf Kindgröße zusammenschrumpeln ließ - aber auch von der Erfahrung, im Odenwald bei der ländlichen Bevölkerung als ausgebombter Flüchtling durchaus nicht willkommen gewesen zu sein und Feindseligkeit gespürt zu haben. Die Rede ist von „Bauernbuben“, die sich sonntags wahre Kuchenschlachten geliefert, den hungernden Darmstädter Kindern vor dem Zaun aber nichts davon abgegeben hätten.

 

Auch der bei Entstehung des Films hochbetagte Brite Harold Nash kommt zu Wort. Als Jugendlicher hat er die Luftangriffe der Deutschen auf Coventry miterlebt, saß als junger Soldat in einem der Flieger, die die Bomben auf Darmstadt abwarfen. Er beschwört das Publikum, niemandem zu glauben, der Soldaten zu Helden glorifizieren will: „Glauben Sie mir: Ich war kein Held! Ich saß da oben allein in meiner Maschine und zitterte vor Angst.“ Er appelliert, sich daran zu erinnern, dass Grenzen nichts Natürliches seien, sondern politische Entscheidungen: „Wir sind nicht Italiener, Engländer, Deutsche, Holländer – wir sind Menschen!“ Ein anderer Zeitzeuge, der als kleiner Junge die Luftangriffe auf Darmstadt miterlebt hat, lange unter dem aus dem Krieg traumatisiert heimgekehrten Vater litt, macht seiner Verbitterung über die Alliierten deutlich Luft, kommt aber zu dem Schluss: „Ich kann nur allen Staatsoberhäuptern auf der Welt einen guten Rat geben: Schaltet euer Gehirn ein! Und lasst die Kriege sein.“

 

Nach einer kurzen Pause folgte ein zweiter Film. „Running with Mum“, ein Film von Martin Greaves aus dem Jahr 2007, basierend auf einem Zwiegespräch zwischen dem Filmemacher und seiner Mutter, die als Siebenjährige in der Brandnacht schwer verletzt wurde, ist persönlicher, intimer, aber nicht minder informativ und berührend. Aloisia Greaves, geboren 1937 in Darmstadt als Aloisia Kopf, heiratete in den späten 50ern einen britischen Besatzungssoldaten und zog mit ihm nach London. Ihre drei Söhne wussten wohl, dass die Narben an Mutters Beinen von einem großen Feuer herrührten, erfuhren aber erst von der Zerstörung Darmstadts am 11. September 1944, als das Datum durch 9/11 so exponiert durch die Presse ging. Martin Greaves, Filmemacher, nimmt dies zum Anlass, mit seiner Mutter den Weg nachzuwandern, den sie wiederum mit ihrer Mutter durch das brennende Darmstadt floh.

 

Im Anschluss an die beiden Filme stellten sich die Zeitzeugen Fritz Deppert (85 Jahre) und Peter Schmidt (79 Jahre) den Fragen der Schülerinnen und Schüler. Die Herren haben die Brandnacht als Zwölfjähriger bzw. Sechsjähriger erlebt und berichten z.B. davon, dass ihre Familien mit ihnen nicht über Politik sprachen, aus Angst, sie könnten es außerhalb der eigenen vier Wände im Beisein linientreuer Nazis weitererzählen. Peter Schmidts Mutter schickte ihren Sohn nicht in den Kindergarten, weil sie ihn dem Einfluss der NS-Ideologie soweit möglich entziehen wollte. Als Herr Schmidt als Vierjähriger einmal einem jüdischen Mitbürger auf der Straße „Guten Tag!“ sagte, musste die Mutter bei der Polizei für dieses „Fehlverhalten“ ihres Kindes Rechenschaft ablegen. Deppert und Schmidt berichten auch von der nicht unproblematischen Evakuierung in den Odenwald bzw. in die Nähe von Chemnitz, und immer wieder bekunden sie ihre Freude darüber, dass Jahr für Jahr so viele junge Menschen zu der Gedenkveranstaltung kommen und Fragen stellen. Meist ist es still im Saal angesichts der Erfahrungen beider Herren. Applaus brandet hingegen auf, als Deppert die Zuschauer auffordert, wählen zu gehen und zu verhindern, dass Gruppen, die die gestrigen Parolen wieder schwingen und davon reden, Menschen entsorgen zu wollen, die Macht dazu erhalten.

 

Die Fragen der Q3 sind so zahlreich, dass die Veranstaltung eine halbe Stunde länger dauert als angedacht. Auch hinterher wenden sich Einzelne an die beiden Zeitzeugen und haken nach.

 

„Auf jeden Fall mit der nächsten Q3 wieder hingehen!“ Das ist der Kanon der Befragungen, die hinterher in den Geschichtskursen stattfanden. „Ich habe vorher nichts von der Brandnacht gewusst“, sagen viele, und „ich habe großen Respekt vor dem Mut der beiden Zeitzeugen, sich den Ereignissen jener Nacht Jahr für Jahr wieder zu stellen.“ So schockierend und entsetzlich das Geschilderte, empfinden die meisten Schülerinnen und Schüler die Gedenkveranstaltung als persönlich bereichernde Erfahrung und sinnvolle Ergänzung zum schulischen Geschichtsunterricht. Unverständnis herrschte hingegen im Hinblick auf die Entscheidung der Darmstädter Bürger, das jährliche Gedenk-Glockengeläut zu reduzieren. Früher läuteten alle Darmstädter Glocken ab 23:55 Uhr für 20 Minuten – die Dauer des Angriffs. Seit einigen Jahren läutet nur noch die Glocke der Stadtkirche für fünf Minuten. Anwohner hätten sich beschwert. Über den Lärm.

 

20.09.2017 Fachschaft Geschichte