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„TEGS“ gastiert an der ADS Dieburg

 

Seit 25 Jahren existiert TEGS, die Theatergruppe der Ernst-Göbel-Schule, einer additiven Gesamtschule in Höchst, und genau wie die ADS-eigene Theater-AG ist sie alle drei Jahre runderneuert, denn auch die TEGS ist eine reine Oberstufen-AG.

So lange, wie die TEGS besteht, läuft sie unter Führung ihrer Leiterin Eleonora Venado, die diese Theatergruppe 1993 ins Leben rief. Seit 1995 findet alljährlich im November die Premiere eines neuen Stückes statt, mit dem die TEGS nicht nur das Schulleben, sondern auch die kulturelle Landschaft des Odenwaldes bereichern will. Für dieses ehrgeizige Ziel wird mit Förderung seitens der Sparkasse und unter Mitarbeit bzw. Supervision eines Theaterpädagogen sogar in den Sommerferien gearbeitet, ansonsten in wöchentlich zweieinhalb Stunden Proben sowie zusätzlich an diversen Probenwochenenden.

Das aktuelle Stück „Errare divinum est“, uraufgeführt im November 2017, greift und spannt in einem weiten Bogen von der Antike bis zu den Problemen der Gegenwart das Thema <Europa> auf. Wer nun denkt, diese Wahl sei möglicherweise den Einflüssen ambitionierter Politik-, Geschichts-, oder Lateinlehrer zuzuschreiben, hat sich geirrt, denn tatsächlich war das Thema wohl eine Idee der Schüler, angeregt durch den im Odenwald stattgehabten Auftritt einer Bamberger Theatertruppe, der auch der Einbezug antiker Götter zu verdanken ist.

 

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Wie sehr das Theaterspielen der Persönlichkeitsentwicklung förderlich sein kann, zeigt der Umstand, dass die Schüler/innen sich nach anfänglich uneingeschränkter Begeisterung für die Thematik alsbald mit ihren eigenen Kenntnisdefiziten zum Thema Europa konfrontiert sahen, womit sie sich vermutlich auch innerhalb der Erwachsenenwelt in guter Gesellschaft befinden. In kritischer Selbstreflexion mussten nun Wege gefunden werden, der anspruchsvollen Absicht auch ein Fundament zu schaffen, wozu wiederum Kreativität gefragt war. Straßeninterviews erfüllten hierbei einen multiplen Zweck: Zum einen konnten die Schüler/innen mit ihren Fragen bei ihren Interviewpartnern Informationen sammeln - eine Art des intrinsisch motivierten Wissenserwerbs, den sich so manche Lehrkraft für ihren Unterricht wünscht -, zum anderen mussten sie sich mit Meinungen und Perspektiven ihrer Interviewpartner auseinandersetzen und dabei eigene Standpunkte entwickeln, festigen oder modifizieren, und zum Dritten konnten diese Interviews multimedial in das Theaterstück eingebaut werden, was auch optisch für zusätzliche Abwechslung sorgte. Zuständig für Schnitt und mediale Aufbereitung der Interviews war übrigens der Gott der Unterwelt, „Hades“, dessen bürgerlicher Name uns nicht bekannt ist.

Überhaupt ist das Bühnenbild bei bewusster Sparsamkeit - man möchte generell kein Ausstattungstheater inszenieren - effektvoll, einfallsreich, durch die Kostüme bunt und insgesamt ansprechend. Zu den Grundsätzen gehört, dass Requisiten nur insoweit als gerechtfertigt angesehen werden, als sie auch aktiv ‚bespielt‘, d.h. zur Darstellung genutzt werden, des Weiteren aber auch der obligatorische Einbezug musikalischer Begleitung und auch gesungener Passagen.

 

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Die musikalische Komponente ergibt sich fast zwangsläufig aus einem weiteren Prinzip:

Die Dramaturgie ist immer chorisch angelegt, einerseits um durch stetige Konzentration und Präsenz aller Schauspielerinnen und Schauspieler ein lebendiges Ganzes entstehen zu lassen, andererseits aber auch zum Ausgleich eventueller Artikulationsschwächen der Schauspieler/innen, die ja allesamt keine jahrelange Sprecherziehung durchlaufen haben, sowie auch zum Minimieren der Differenz zwischen Haupt- und Nebenrollen. So sind die ‚Stars‘ allenfalls primi inter pares, und die eigentliche Hauptrolle gehört der Gruppe.

 

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Inhaltlich hochaktuell geht es um Europa als Kontinent in der globalisierten Welt, um das historisch gewachsene kulturelle und politische Selbstverständnis und eine als dringend erforderlich erkannte Neubestimmung Europas mit seinen vielgestaltigen wirtschaftlichen und politischen Problemen, der eskalierenden Umweltproblematik,

 

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besonders dringlich auch seinen Umgang mit Migration - und hier z.B. um die Einseitigkeit der Integrationsforderungen, die den Zugewanderten Fähigkeiten abverlangen und ein Lerntempo, das die wenigsten Inländer erfüllen können -, aber auch um Ablenkungs- und Kompensationsszenarios der globalen Unterhaltungsindustrie in ihrer irrealen oder zumindest irrationalen Setzung von Prioritäten - Stichwort Fußball.

 

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Nicht unbedingt optimistisch stimmt dabei der Umstand, dass selbst die alten Götter, die im Stück eine Art höhere Schule repräsentieren, im Grunde keine Lösung wissen und ihre eigens per Ballon zum Olymp angereisten, ratlosen, lern- und wissbegierigen Eleven mit eingefahrenen Lebensvorstellungen - fußend bisweilen auf rein persönlichen Vorlieben - und kaum verwertbaren Allgemeinplätzen abspeisen.

 

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Das Gastspiel der TEGS, exklusiv für die Jahrgangsstufe 12, denn die 11er sind im Praktikum und die 13er nach Abschluss der mündlichen Prüfungsphase auf und davon, war für die ADS ein Gewinn, und die Aussicht auf einen Gegenbesuch des ADS-Theaters in Höchst lässt auf anregenden und fruchtbringenden zukünftigen Austausch hoffen.

 

Bericht und Fotos: Angelika Schneider 13. Juni 2018