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Tag der Vielfalt an der ADS

Als Mitglied im Netzwerk ‚Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘, dem mit ca.1,5 Millionen Schülerinnen und Schülern größten Schulnetzwerk in Deutschland, gestaltete die Alfred-Delp-Schule in Kooperation mit dem beratungsNetzwerk hessen am 30. Oktober zum zweiten Mal einen „Tag der Vielfalt“. Der Leitgedanke in diesem Jahr war, auf verschiedene Formen ‚gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit‘ aufmerksam zu machen, und insgesamt wurden dazu am Vormittag über 30 vom beratungsNetzwerk hessen organisierte Workshops angeboten.

 

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Der Tag wurde dabei in eine Vormittags- und eine Abendveranstaltung unterteilt. Während vormittags in verschiedenen Workshops und einem Zeitzeugengespräch der Fokus auf Phänomene von und Strategien gegen Menschenfeindlichkeit gerichtet war, stellte der Abend in Form einer großen Feier die Vorzüge von Vielfalt (insbesondere an kulinarischen Genüssen und Musik aus aller Welt) in den Mittelpunkt - Gespräche über das am Vormittag Erlebte und Gelernte natürlich inbegriffen.

Um einen Eindruck von diesem besonderen Tag zu bekommen, sind nachfolgend der Vormittag - exemplarisch an zwei Workshops - und die Abendveranstaltung beschrieben:

 

„Tag der Vielfalt“ - Vormittagsprogramm

Der Tag der Vielfalt wurde um 8.30 Uhr durch unsere Schulleiterin Bettina Wannowius im Atrium eröffnet. Begrüßt wurden die Schülerinnen und Schüler sowie die verschiedenen Leiter der Workshops, die vom Netzwerk „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ organisiert wurden. Einen Empfang der besonderen Art erfuhr dabei die Zeitzeugin des Holocaust, Edith Erbrich, die später den Schülern der Q-3 im Mehrzweckraum über ihre Erfahrungen im Dritten Reich und speziell im Konzentrationslager Theresienstadt berichten sollte: Von Frau Wannowius angestoßen, intonierten zunächst einmal viele Kehlen ein Geburtstagsständchen, die Dame war erst Tage zuvor 80 Jahre alt geworden.

Gedankt wurde zudem unseren Lehrern Paulus Weber und Christoph Warlo, die für die Organisation von schulischer Seite aus zuständig waren.

Nachdem die Schüler aus dem Aktionskomitee der SV noch einmal Werbung für die nachfolgende Abendveranstaltung gemacht hatten, zogen sich die Workshopleiter bzw. die Zeitzeugin zusammen mit den Schülerinnen und Schülern in die dafür vorgesehenen Räumlichkeiten zurück. Alle Schüler und Schülerinnen mit Ausnahme der Q3 hatten sich im Vorfeld je nach Interessenlage für die entsprechenden Workshops eingewählt.

 

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Die Schullleiterin eröffnet die Veranstaltung und begrüßt Teilnehmer und Workshopleiter

 

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Etwa die Zeitzeugin des Holocaust, Edith Erbrich

 

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Besonderer Dank an Paulus Weber und Christoph Warlo

 

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Das Aktionskomitee der SV wirbt nochmals für die von ihr organisierte Abendveranstaltung

 

Beispiel: Workshop 27: Cybermobbing: Dauerhafte Schikane durch Internet und Smartphones.

Einer dieser gut 30 Workshops, Workshop 27, mit dem Titel ´Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aus polizeilicher Sicht` befasste sich insbesondere mit dem weiten Feld des Cybermobbings.

Sehr schülerorientiert führten der Migrationsbeauftragte Hasan Tatligü und der Jugendkoordinator David Weiser, beide für das Polizeipräsidium Darmstadt tätig, durch diese überaus aktuelle Thematik.

Das Netz vergisst nie

„Das Netz vergisst nie. Facebook, Instagram und Co, wenn ein unvorteilhaftes Bild oder ein unvorteilhafter Kommentar rausgeht, dann sind auch die Rechte dazu weg!“, so die Experten. Das Gleiche gelte natürlich auch für Geheimnisse, Gerüchte oder gar Verleumdungen, die manchmal aus Ärger über irgendeine Sache vorschnell durch das World Wide Web gesendet würden.

Der Übergang von Spaß bis hin zur psychischen Gewaltausübung ist fließend.

Oft gehe es mit einem Späßchen los, ende aber in manchen Fällen mit Übergriffen bis hin zu psychischer Gewaltanwendung wie Erpressung - etwa mit Nacktbildern oder brisanten Informationen. Die Opferseite präsentiert sich genauso dramatisch: Hier münde in den extremsten Fällen die Verzweiflung in den Selbstmord des Gemobbten.

Kernproblem: Es entsteht ein Machtgefälle, das Opfer fühlt sich dem Täter hoffnungslos ausgeliefert und kommt letztendlich nicht mehr aus dieser Ohnmachtssituation heraus.

Den ´Duldern` kommt entscheidende Bedeutung zu

Entscheidenden Einfluss darauf, ob es zu diesen extremen Verläufen von Mobbing kommt, komme dabei den sogenannten ´Duldern` zu. Im Kontext des Mobbings, so die Experten, spricht man von den Rollenbildern ´Mobber`, ´Opfer`, ´Mitläufer` und eben jenen ´Duldern`. Von diesen hänge es entscheidend ab, ob dem Opfer Hilfe zukommen könne oder nicht. Reiche dabei - im doppelten Sinne – die Zivilcourage nicht aus, bestünde gerade im schulischen Umfeld die Möglichkeit, Lehrer um Hilfe zu bitten. [An unserer Schule wären hier, neben dem Tutor, insbesondere die Mitglieder des Beratungs-Teams zu nennen!] Lässt sich der Fall auch so nicht lösen oder macht es die Brisanz unumgänglich, bleibt schließlich die Polizei als Anlaufstelle.

Erst nachdenken, dann chatten!“

Vorbeugung beginne allerdings immer mit grundlegenden Verhaltensregeln im Social-Media-Bereich:

  • Der erste Gedanke gehört nicht in den Chat – erst nachdenken, vielleicht auch mal darüber schlafen!

  • Streitereien immer persönlich und nicht im Chat oder Messenger klären!

  • Ungefragt keine Fotos von anderen verbreiten (das Recht am Bild beachten)

  • Keine brutalen, pornografischen, propagandistischen Videos verbreiten!

Auf die Täter warteten unterdessen Strafen für Straftatbestände, die man sonst eher aus dem Tatort kennt. Verleumdung, Beleidigung, Nötigung, Erpressung – die Paragrafen des Strafgesetzbuches 185, 186, 187, 201 und 240 haben es in sich.

Insbesondere die ´Vertraulichkeit des Wortes` sei dabei im schulischen Umfeld von besonderer Brisanz – etwa das heimliche Filmen von Mitschülern oder Lehrern im Unterricht, so die beiden Experten.

Vorteil ´Weiße Weste`

Abschließend wurde noch der Weg eines möglichen Strafverfahrens dargestellt: Anzeigenaufnahme, Personenüberprüfung, Vernehmung, Durchsuchung, Sicherstellung insbesondere der Kommunikationsmittel, erkennungsdienstliche Behandlung. Entsprechend der Gegebenheiten eventuell noch die Einschaltung des Jugendamts und die Abgabe des Ermittlungsverfahrens an die Staatsanwaltschaft, wo darüber entschieden werde, ob eine Anklage erhoben wird. Bei einer Verurteilung erfolge neben der Strafe im Übrigen zusätzlich ein Eintrag ins Führungszeugnis, ein Umstand, der dem Verurteilten sehr lange noch diverse berufliche Wege verbauen könne, so die Experten von der Polizei.

Insgesamt war es ein überaus informativer Workshop, der brandaktuelle Fragen der Jugendlichen aufgriff und mit Insiderwissen einen wichtigen Beitrag zum Tag der Vielfalt beitrug.

 

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Migrationsbeauftragter Hasan Tatligü und der Jugendkoordinator David Weiser

 

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Zeitgleich im Mehrzweckraum

 

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Edith Erbrich berichtet aus ihrer Zeit in Theresienstadt

 

 

Beispiel: Workshop 20: Workshop zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt

Ich bin einfach so

Dieser Gedanke kristallisierte sich als Tagesleitspruch bei den Teilnehmern des vierstündigen Workshops von SCHLAU (Schwul-Lesbische Aufklärung) Darmstadt, ein Aufklärungsprojekt im Rahmen des vielbunt e.V. heraus, der von drei ehrenamtlichen Mitarbeitern abgehalten wurde. Ziel war es, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt aufzuzeigen und Akzeptanz hierfür zu entwickeln.

Nachdem das Dreierteam am Anfang zunächst erstmal die übliche Sitzordnung eines Klassensaals zugunsten eines kommunikativeren Sitzkreises aufgebrochen und grundlegende Verhaltensregeln für alle Teilnehmer wie „Jeder spricht für sich selbst“, „Alles darf, nichts muss“ oder „Jeder darf ausreden“ geklärt hatten, leiteten sie Positionierungs- und Wahrnehmungsspiele ein, organisierten eine Begriffsklärungsrunde und nahmen eine historische Standortbestimmung des Themas vor. Zum Abschluss des Workshops berichteten die drei von ihren individuellen Coming-Out-Geschichten.

Die anfangs stattgefundenen Abfragen zu persönlichen Einstellungen und Gegebenheiten der Teilnehmer führten durchaus zu Situationen, in denen einzelne Teilnehmer als klare Minderheit oder sogar alleine der Gesamtgruppe gegenüberstanden und im Anschluss die Gefühle, die sie in dieser Situation hatten, in Worte fassen sollten. Die Ja/Nein- Positionierung zu verschiedenen Aussagen zeigte ein relativ geschlossenes Meinungsbild, was möglicherweise darauf zurückzuzuführen ist, dass die Teilnehmer ein eigenes Interesse am Thema aufwiesen bzw. sehr gute Kenntnisse von der Thematik hatten. So waren Begrifflichkeiten wie „Regenbogenfamilie“, „Transidentität“ oder „ Pansexualität“ der Mehrheit der Teilnehmer bekannt.

In der historischen Betrachtung des Umgangs mit normabweichendem Geschlechtsverhalten hoben die drei Kursleiter, zum Beispiel, den Paragraphen 175 (Bestrafung jeglicher sexueller Handlungen zwischen Männern) hervor, der in Deutschland erst 1994 abgeschafft wurde. Die Tatsache, dass es hierzulande nun seit einem Monat möglich ist, als homosexuelles Paar ebenfalls den Bund der Ehe zu schließen, darf als Meilenstein begriffen werden (bis dahin waren nur eingetragene Partnerschaften möglich). Somit sind also seit Oktober dieses Jahres schwule und lesbische Paare familien- und eherechtlich heterosexuellen Paaren gleichgestellt. Und das vor dem Hintergrund, dass in vielen Ländern dieser Welt Homosexualität weiterhin mit Todesstrafe belegt ist!

Die eindrücklichsten Momente schufen die Kursleiter dann aber selbst, als jeder von ihnen seine eigene Geschichte zum inneren und äußeren Coming Out offenbarte. Die Darstellungen ihrer eigenen Gefühls-und Gedankenwelt in der Auseinandersetzung mit den Reaktionen der anderen - Familie und Freunde, sogar Ehepartner und Kinder-nahmen die Teilnehmer mit großer Aufmerksamkeit auf. Sie durften im Anschluss ihre persönlichen Fragen an die Referenten stellen, die diese mit außergewöhnlicher Offenheit beantworteten.

Der Applaus für die Workshopleiter sprach Bände. Vielleicht hat der Vormittag diesen Schülern im Raum faktisch wenig Neues vermittelt, doch der Mut dieser drei Menschen im Umgang mit ihrer Andersartigkeit wird in den Gedanken der Schüler sicher lange nachwirken.

 

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Was denken die Teilnehmer - die Workshopleiter von SCHLAU Darmstadt sind gespannt

 

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Was wir glauben und was wirklich ist - Besser wir reden mit dem anderen darüber

 

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CSD - Begriffserklärung gehörte auch zum Workshop

 

Positive Resonanzen auch zu der Arbeit in den anderen Workshops

Gespräche mit Schülerinnen und Schülern während der Abendveranstaltung und an den nächsten Schultagen zeigen, dass die Arbeit in den verschiedenen Workshops insgesamt ein sehr positives Echo hinterlassen hat. Genauere Erkenntnisse dazu wird die Auswertung von Feedbackbögen ergeben, die sowohl den Schülern als auch den Lehrern nach den Veranstaltungen ausgegeben wurden.

Bericht und Fotos: Regina und Stefan Gräser